18. Januar 2022
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Tenzin Delek Rinpoche: Statue des hochverehrten Lamas entfernt, Angehörige verhaftet

Fünfzehn Jahre, nachdem der charismatische buddhistische Lama aus Kham unter mysteriösen Umständen im Gefängnis starb, fürchtet die KPCh ihn immer noch.

Wie viele Menschen im Westen erinnern sich heute noch an den Namen Tenzin Delek Rinpoche? Einst bemühten sich viele Leute darum, diesen berühmten tibetischen Mönch vor der Hinrichtung zu retten. Aber das war 2002, vor zwanzig Jahren. Die Menschenrechtsaktivisten dachten, es sei ihnen zumindest gelungen, die KPCh dazu zu bringen, das Todesurteil gegen den Mönch in eine lebenslange Haftstrafe umzuwandeln. Doch 2015 erfuhren sie, daß Tenzin Delek Rinpoche in einem Gefängnis in Chengdu an „Herzversagen“ gestorben war, sein Leichnam eingeäschert und keine Untersuchungen über die Ursachen seines Todes durchgeführt worden waren (1).

Tenzin Delek Rinpoche war so berühmt, daß nach der Bekanntgabe seines Todes im Kreis Nyagchu (chin. Yajiang) in der Provinz Sichuan, wo er geboren wurde, trotz außergewöhnlicher Überwachungsmaßnahmen Unruhen ausbrachen. Sie wurden von der Polizei sofort unterdrückt, die auf die Menge schoß und Tränengas einsetzte. Die Behörden sprachen von 15 Verletzten, doch inoffiziellen Berichten zufolge seien mehrere Demonstranten getötet worden. Hunderte wurden verhaftet.

Statue des Rinpoche, oben links sein Portraitfoto

Der Bezirk Nyagchu gehört zu Kham, einer der historischen Provinzen Tibets, und wurde von China in die Provinz Sichuan eingegliedert. Während das Gedächtnis im Westen kurz sein mag, ist die Erinnerung an Tenzin Delek Rinpoche in Kham immer noch sehr lebendig. Mehrere Verwandte des Mönchs und andere Buddhisten, die ihn mit einer lebensgroßen Statue ehren wollten, was die KPCh eine „Verschwörung“ nennt, sitzen derzeit im Gefängnis.
„Ursprünglich war geplant, Rinpoches Statue nach Indien zu bringen, aber es gab zu viele Restriktionen, um sie dorthin zu schicken, also mußte die in Shenzhen gefertigte Statue nach Tibet gebracht und dort versteckt werden, bis sich die richtige Gelegenheit ergeben würde, sie zu transportieren“, sagte Tenzin Yarphel, ein jetzt in Indien wohnender Schüler des Rinpoche RFA gegenüber.

Im Juni 2021 fand die Polizei in Dartsedo in der Autonomen Tibetischen Präfektur Kardze in der Provinz Sichuan in einem Versteck eine Statue von Tenzin Delek Rinpoche. Sie beschlagnahmten diese und nahm zwei Tibeter fest. Diese wurden zwar wieder freigelassen, doch im September führte die Polizei im Haus von Dolkar Lhamo, der jüngeren Schwester von Tenzin Delek Rinpoche, eine Razzia durch und beschlagnahmte Reliquien und Porträts des verstorbenen Mönchs.

„Etwa 20 Beamte des Büros für öffentliche Sicherheit kamen im September, um das Familienheiligtum zu plündern“, sagte eine Quelle in Tibet, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben will. „Sie nahmen alle Fotos Seiner Heiligkeit des Dalai Lama und andere Reliquien mit. Sie nahmen sogar ein Bild von Nyima Lhamo, der Nichte des Rinpoche  mit“, sagte er.

Dolkar Lhamo und andere Verwandte wurden inhaftiert und mißhandelt. Im Oktober wurden sie wieder freigelassen, doch Dolkar Lhamos Tochter Nyima Lhamo, die in New York lebt, sagt, ihre Mutter habe gesundheitliche Probleme und benötige dringend Hilfe, doch sie könne keinen Kontakt zu ihr herstellen. Nyima Lhamo bittet die US-Regierung und internationale Organisationen, sich des Falles ihrer Mutter anzunehmen und dafür einzutreten, daß diese ins Ausland reisen und sich in medizinische Behandlung begeben kann.

Die KPCh behauptet, daß mehrere Verwandte von Tenzin Delek Rinpoche und andere Personen in eine „Verschwörung“ verwickelt gewesen seien, denn sie hätten geplant, eine öffentlich zugängliche Statue des Mönches in Sichuan zu errichten. Ortsansässige Buddhisten erklärten hingegen, die Statue sei bei Künstlern in China in Auftrag gegeben worden, und es sei geplant gewesen, sie nach Indien zu bringen.

Tenzin Delek Rinpoche wurde 1950 im Bezirk Lithang, Kham, geboren. Er wurde Mönch und vom Dalai Lama als Reinkarnation des Abtes des Klosters Jamchen Chökhorling in Lithang anerkannt. In den Jahren der „Reform und Öffnung“ nach der Kulturrevolution erhielt er die Erlaubnis, in Kham zu lehren und ein Kloster in Orthok sowie eine Schule im Bezirk Nyagchu zu bauen.

Tenzin Delek Rinpoche war weithin bekannt wegen seiner Förderung der traditionellen tibetischen Medizin. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts verschlechterte sich die Situation der Religionsfreiheit in Tibet jedoch, und der Mönch geriet ins Visier der Behörden, weil er sich für die Ökologie einsetzte und beanstandete, daß die KPCh sowohl in Kham als auch in der Autonomen Region Tibet wichtige Umweltprobleme ignoriere.

In den Jahren 2001 und 2002 gingen drei Bomben in Sichuan hoch, zwei davon in der Autonomen Tibetischen Präfektur Kardze und eine in der Provinzhauptstadt Chengdu. Die KPCh behauptete, eine „terroristische tibetisch-buddhistische Gruppe“ sei für die Bombenanschläge verantwortlich, und deren Anführer seien Tenzin Delek Rinpoche und sein Assistent Lobsang Dhondup. Beide wurden 2002 nach einem Prozeß in Chengdu zum Tode verurteilt.

Lobsang Dhondup wurde 2003 hingerichtet, während das Europäische Parlament, die Vereinigten Staaten und mehrere führende Nichtregierungsorganisationen diesen ihrer Meinung nach politisch motivierten Prozeß, der auf erfundenen Anschuldigungen basiere, anfochten. Im Jahr 2005 erzielten sie einen gewissen Erfolg, als die über Tenzin Delek Rinpoche verhängte Todesstrafe in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt wurde.

Die KPCh meint, daß einst berühmte Gewissensgefangene im Laufe der Zeit von der freien Welt schnell vergessen werden. Menschenrechtsorganisationen und die tibetische Diaspora setzten sich hingegen weiterhin für die Freilassung von Tenzin Delek Rinpoche ein, aber der Fall wurde in den öffentlichen Medien immer weniger diskutiert.

Einige erwähnten den verfolgten Mönch wieder, als er 2015 im Gefängnis starb oder getötet wurde und es zu Unruhen kam. Der KPCh ist es aber nie gelungen, die Erinnerung an Tenzin Delek Rinpoche aus den Herzen der Tibeter zu tilgen. Der Vorfall mit der Statue wird nun zum Anlaß genommen, Porträts des Mönchs, wo immer sie auftauchen, zu konfiszieren und all jene zu verhaften, die es wagen, die Erinnerung an ihn zu pflegen oder ihn auch nur zu erwähnen.

(1) 13. Juli 2015, Prominenter tibetischer Lama Tenzin Delek Rinpoche starb im Gefängnis,
http://www.igfm-muenchen.de/tibet/TCHRD/2015/TenzinDelek-tot_13.7.html